• Anke Kramer

Arbeitest du, um zu leben oder lebst du, um zu arbeiten?

Aktualisiert: 25. Mai

Als ich diese Frage vor gut 5 Jahren gestellt bekam, fiel mir die Antwort leicht. Sie kam wie aus der Pistole geschossen und lautete: „Ich lebe, um zu arbeiten.“ Die Reaktion meines Gegenübers war ein leichtes und langsames Kopfnicken, untermalt mit dem Wort: „Spannend.“ Ich fragte, worauf sich das „spannend“ beziehe und erklärte, ich sei eben eine der Personen, die den passenden Job für sich gefunden hat, ihn von Herzen gerne macht und ihre Erfüllung darin findet. Was ich meinem Gegenüber sagte, war die Wahrheit. Es fühlte sich absolut richtig an, denn ich sprach aus tiefster Überzeugung.


Damals arbeitete ich mit 50 % meiner Vollzeitstelle im Qualitätsmanagement und in den anderen 50 % meiner Arbeitszeit begleitete ich 2 Teams als Führungskraft. Ich liebte was ich tat und war zudem erfolgreich, weil ich in meinem Job genau das machen durfte, was ich gut kann. Analysieren, strukturieren, kommunizieren, delegieren, motivieren. Ich fühlte mich erfüllt und doch war ich zu diesem Zeitpunkt unglücklicher als je zuvor und steckte mitten in einer handfesten Lebenskrise. Die Beziehung, in der ich glaubte endlich angekommen zu sein, zerbröckelte in 1000 Einzelteile und auch in beruflichen Konstellationen fand ich mich immer häufiger in Konflikten wieder, die ich mir nicht erklären konnte.


Wie diese Frage mein Leben veränderte

Mir gegenüber saß damals mein Therapeut, zu dem ich ging, weil ich seit Kurzem das Gefühl hatte mich gänzlich zu verlieren und weder wusste wer ich bin, noch wer ich sein wollte. Seine Frage und auch das was sie auslöste, werde ich vermutlich nie vergessen. Meine spontane Antwort war ernst gemeint und ehrlich. So ehrlich, wie ich eben zu dieser Zeit zu mir selbst und anderen sein konnte. Eine ganz besondere Erinnerung ist dieser Moment für mich aber deshalb, weil ich damals zum ersten Mal erkannte, dass es einen relevanten Zusammenhang gibt, zwischen dem wie ich über mich und mein Leben denke, und wie ich mich fühle. Heute, nach einem tollen Mentoring und unfassbar viel Selbstreflexion, weiß ich, dass meine Erfüllung damals nicht darin lag, was ich beruflich machte, sondern in dem, was ich durch meine Arbeit bekam. Mein Job war für mich ein Art Werkzeug, ein Instrument. Es war mein Mittel der Wahl, zur Erfüllung meiner grundlegenden Bedürfnisse. Dort habe ich genau das erhalten, was ich immer schon suchte und brauchte. Ich zählte zu einer Gemeinschaft, wurde gesehen, gehört, verstanden und anerkannt. Und das alles nur, weil ich tat, was ich ohnehin gut konnte. Leistung, Aktionismus und das Streben nach Perfektion waren damals meine Strategien zum glücklich sein und so auch zeitgleich meine stetige Erwartung an mich selbst. Und es funktionierte wunderbar – viele Jahre. Bis sich urplötzlich und wie aus dem Nichts ein Teil meines Selbst meldete und deutlich kundtat, dass es so nicht weitergehen konnte. Und so stand ich mit 38 Jahren mitten in einer Krise, wie ich sie bisher nicht kannte. Jegliche Art der Verdrängung und Kompensation waren plötzlich nicht mehr möglich. Wo ich vorher Antworten auf alles hatte und hilfreiche Lösungen kreieren konnte, waren nur noch Fragen und eine beängstigende Leere. Was folgte, war eine intensive Reise mit vielen Höhen und Tiefen und dem Ziel – mich selbst zu begreifen und endlich glücklich zu werden.


Fünf Jahre später kann ich aus Überzeugung sagen: „Ich bin angekommen und glücklich. Und: Ich lebe nicht, um zu arbeiten. Ich lebe, um zu lieben, zu lernen und zu sein.“ Mein Job ist heute für mich eben genau das - ein Job. Nicht mehr und nicht wengier. Er macht mir weiterhin Spaß, aber ich definiere mich nicht länger über das, was ich im Beruf schaffe und leiste. Ich arbeite, um zu leben und um meine Zeit so genießen zu können, wie es mir gut tut. Heute weiß ich, wer ich bin und wer ich für mich und andere sein möchte. Ich habe alte Muster durch neue, gesunde Überzeugungen ersetzt und Wege gefunden, meine Bedürfnisse zu bedienen - unabhängig von meiner Leistung im Job oder der Gunst anderer.


Was es brauchte, um diese Kehrtwende zu nehmen

In erster Linie brauchte es meine Bereitschaft zur gezielten Reflexion sowie Raum für Bewusstsein, Verständnis, Annahme, Abschied und die Antworten auf die folgenden Fragen:

  • Wer bin ich, mit all meinen Anteilen und Facetten?

  • Was brauche ich um gesund und glücklich zu sein?

  • Wie wurde ich der Mensch, der ich heute bin?

  • Welche Vorbilder haben mich auf meinem Weg begleitet?

  • Welche Erfahrungen prägen mein Denken und Fühlen?

  • Was verstehe ich unter Liebe und wie funktionieren tiefe Bindungen?

  • Welche Überzeugungen steuern meinen Umgang mit mir und meinen Mitmenschen?


Es war Arbeit - viel Arbeit, harte Arbeit. Aber mich auf diesen Weg zu begeben, war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe - wenn auch zunächst nicht ganz freiwillig.


Welche Erfahrungen und Erkenntnisse ich dir mitgeben möchte

  • Glaub nicht alles was du denkst.

  • Es lohnt sich, das eigene Erleben zu hinterfragen und zu erforschen.

  • Veränderungen und Entwicklungen lassen sich nicht ´schaffen´. Sie ergeben sich, wenn Verständnis für die bisherige Situation und Bewusstsein für die eigenen Motive bestehen.

  • Was du über dich und dein Leben denkst, ist ausschlaggebend dafür, wie du dich fühlst.

  • Wenn du weißt, wer du bist, kannst du sein, wer du willst.

  • Manchmal braucht es einfach die passenden Fragen zur richtigen Zeit.

  • Meist ist nicht das Problem die eigentliche Herausforderung, sondern unsere Haltung zu dem Problem.


Wie lautet deine Antwort auf die Frage?

Ein Mann sitzt an seinem Schreibtisch und wirkt erschöpft


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